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Wie Glas eine ganze Stadt prägte
Weißwasser in der Oberlausitz ist eine Stadt, deren Entwicklung kaum von der Geschichte des Glases zu trennen ist. Aus einem kleinen Heidedorf entstand innerhalb weniger Jahrzehnte eines der bedeutendsten Zentren der europäischen Glasindustrie. Glashütten, Schleifereien, Spezialglaswerke und Zulieferbetriebe bestimmten über Generationen den Arbeitsalltag Tausender Menschen.
Der Beginn dieser Entwicklung lässt sich ziemlich genau datieren: 1873 wurde in Weißwasser der erste Glasofen angeheizt. Innerhalb der folgenden drei Jahrzehnte entstanden zehn weitere Glasfabriken. Zeitweise entwickelte sich Weißwasser damit zum größten Glasstandort der Welt.
Heute ist die Branche wesentlich kleiner. Doch die Glasproduktion ist nicht verschwunden. Mit Stölzle Lausitz sowie Telux bestehen weiterhin Unternehmen, die an die industrielle Tradition anknüpfen. Gleichzeitig erinnern das Glasmuseum, historische Fabrikgebäude und zahlreiche Spuren im Stadtbild an eine Epoche, in der Glas nahezu jeden Bereich des städtischen Lebens beeinflusste.
Warum entwickelte sich gerade Weißwasser zur Glasstadt?
Dass ausgerechnet Weißwasser zu einem Zentrum der Glasherstellung wurde, hatte mehrere Gründe.
In der Umgebung waren wichtige Rohstoffe vorhanden. Dazu gehörten insbesondere Quarzsand, Ton, Holz und Braunkohle. Gleichzeitig erhielt der Ort Anschluss an die Eisenbahnstrecke zwischen Berlin und Görlitz. Damit konnten Rohstoffe vergleichsweise günstig angeliefert und fertige Erzeugnisse in große Absatzmärkte transportiert werden.
Vor allem die Braunkohle spielte für die energieintensive Glasproduktion eine wichtige Rolle. Glasöfen mussten dauerhaft hohe Temperaturen erreichen und benötigten große Mengen Brennstoff.
Damit kamen in Weißwasser gleich mehrere günstige Voraussetzungen zusammen:
- verfügbare Rohstoffe,
- günstige Energie aus Braunkohle,
- Eisenbahnanschluss,
- ausreichend Flächen für neue Fabriken,
- wachsende Absatzmärkte während der Industrialisierung.
Die wirtschaftliche Entwicklung verlief entsprechend rasant.
1873 beginnt die industrielle Glasproduktion
Mit dem ersten Glasofen begann 1873 eine Entwicklung, die das bisher kleine Weißwasser vollständig verändern sollte.
Zwischen 1873 und 1904 entstanden elf Glashütten und fünf Glasraffinerien. Hinzu kamen Ziegeleien, Kohlegruben und zahlreiche Zulieferbetriebe.
Die Produktionspalette war ungewöhnlich breit. In Weißwasser wurden im Laufe der Jahrzehnte unter anderem hergestellt:
- Trinkgläser und Kelchgläser,
- Flaschen und Behälter,
- Fensterglas,
- Farb- und Ornamentglas,
- technische Gläser,
- Glühlampenkolben,
- Glasröhren,
- Bildröhrenbestandteile,
- Kristall- und Schleifglas.
Damit war Weißwasser nicht auf ein einzelnes Marktsegment angewiesen. Unterschiedliche Unternehmen spezialisierten sich auf verschiedene Formen der Glasherstellung und -veredelung.
Vom Heidedorf zur Industriestadt
Die Glasindustrie veränderte nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Bevölkerungsstruktur.
Für die neuen Fabriken wurden Arbeitskräfte benötigt. Glasmacher und andere Facharbeiter kamen aus verschiedenen traditionellen Glasregionen nach Weißwasser. Gleichzeitig entstanden neue Wohnungen, Straßen, Schulen, Geschäfte und öffentliche Einrichtungen.
Innerhalb weniger Jahrzehnte entwickelte sich aus dem Dorf eine Industriestadt.
Glas bestimmte dabei beinahe den gesamten Alltag. Viele Familien waren über mehrere Generationen in den Hütten beschäftigt. Neben Glasmachern arbeiteten beispielsweise Glasschleifer, Graveure, Glasmaler, Formenbauer, Maschinisten und Techniker in den Betrieben.
Auch Handwerker, Händler, Eisenbahner und Beschäftigte im Braunkohlenbergbau profitierten vom industriellen Wachstum.
Elf Glashütten innerhalb weniger Jahrzehnte
Die Geschwindigkeit, mit der neue Unternehmen entstanden, war außergewöhnlich. Zu den historischen Betrieben gehörten unter anderem die Oberlausitzer Glaswerke und verschiedene Spezial-, Farb- und Hohlglasbetriebe. Manche existierten nur wenige Jahrzehnte, andere gingen durch Fusionen und Umstrukturierungen in größeren Unternehmen auf.
Besonders bedeutend wurden die späteren Vereinigten Lausitzer Glaswerke, kurz VLG. Das Unternehmen entwickelte sich zu einem der bekanntesten Weißwasseraner Glasproduzenten. Neben industrieller Massenfertigung spielte dort zunehmend auch die Gestaltung der Produkte eine wichtige Rolle.
Weißwasser und das Bauhaus
Einen besonderen Platz in der deutschen Designgeschichte erhielt Weißwasser durch den Gestalter Wilhelm Wagenfeld. Wagenfeld war am Bauhaus ausgebildet worden und übernahm 1935 die künstlerische Leitung der Vereinigten Lausitzer Glaswerke. Bis 1946 entwickelte er dort ein umfangreiches Sortiment moderner Gebrauchsgläser.
Sein Anspruch war ungewöhnlich modern: Gute Gestaltung sollte nicht auf teure Einzelstücke beschränkt bleiben. Auch industriell hergestellte Alltagsgegenstände sollten funktional, langlebig und ästhetisch überzeugend sein.
In Weißwasser entstanden unter seiner Leitung Gläser und Haushaltsprodukte mit klaren Formen und weitgehendem Verzicht auf dekorativen Überfluss. Viele Entwürfe wurden unter der sogenannten Rautenmarke vermarktet und entwickelten sich zu Klassikern des deutschen Produktdesigns. Damit wurde Weißwasser nicht nur zu einem Produktionszentrum, sondern auch zu einem wichtigen Ort der modernen Gestaltung.
Ernst Neufert und die Architektur der Glasindustrie
Auch architektonisch hinterließ die Glasindustrie bedeutende Spuren. Der Architekt Ernst Neufert, ebenfalls eng mit der Bauhausbewegung verbunden, arbeitete ab den 1930er-Jahren für die Vereinigten Lausitzer Glaswerke.
Ein bis heute erhaltener Industriebau in Weißwasser gilt als wichtiges Zeugnis dieser Epoche. Das Landesamt für Denkmalpflege bewertet den sechsgeschossigen Funktionsbau sowohl architekturhistorisch als auch industriegeschichtlich als bedeutend. Damit besitzt Weißwasser neben seinen Glasprodukten auch ein interessantes architektonisches Erbe der industriellen Moderne.
Glühlampenkolben aus Weißwasser
Ein weiterer Schwerpunkt entwickelte sich im Bereich des technischen Glases. Die Neuen Oberlausitzer Glaswerke Schweig & Co. spezialisierten sich unter anderem auf Glaskolben für Glühlampen. Der Betrieb entwickelte sich später zu einem bedeutenden Produktionsstandort im Umfeld von Osram.
Zeitweise gehörte das Werk zu den größten Herstellern von Glühlampenkolben weltweit. Technisches Glas aus Weißwasser fand damit nicht nur in Haushalten Verwendung, sondern war Bestandteil moderner elektrischer Produkte. Auch für die frühe Fernsehtechnik spielte der Standort eine Rolle. Anfang der 1930er-Jahre kamen Glaskolben für frühe Bildröhren aus Weißwasser.
Weißwasser als europäisches Zentrum der Glasindustrie
Bis in die 1920er-Jahre hatte sich Weißwasser zum bedeutendsten Standort der Glasindustrie in Deutschland und Europa entwickelt. Die enorme Konzentration von Fabriken führte zu einer spezialisierten Industrielandschaft. Neben den eigentlichen Glashütten existierten Betriebe für Formenbau, Veredelung, Verpackung und Transport.
Zugleich bildete sich ein umfangreiches Fachwissen heraus. Kenntnisse wurden innerhalb der Familien weitergegeben, gleichzeitig entstanden Ausbildungsstrukturen für spezialisierte Glasberufe. Die Glasmacherstadt Weißwasser war damit Teil eines größeren Lausitzer Glasreviers, zu dem auch Standorte wie Döbern oder Tschernitz gehörten.
Die Glasindustrie nach 1945
Nach dem Zweiten Weltkrieg änderten sich die Eigentumsverhältnisse grundlegend. Zahlreiche Unternehmen wurden enteignet und in volkseigene Betriebe überführt. In Weißwasser entstanden beziehungsweise bestanden unter anderem:
- VEB Oberlausitzer Glaswerk,
- VEB Spezialglaswerk „Einheit“,
- VEB Glaswerk „Bärenhütte“,
- VEB Neuglas,
- VEB Farbglaswerk Weißwasser.
Später wurden Betriebe und Produktionsbereiche im Kombinat Lausitzer Glas zusammengeführt. Weißwasser blieb damit auch während der DDR-Zeit ein bedeutendes Zentrum der Glasherstellung.
Ausbildung für die gesamte DDR-Glasindustrie
Die Bedeutung Weißwassers zeigte sich auch bei der Berufsausbildung. Das Gelände der ältesten Glashütte wurde nach dem Zweiten Weltkrieg für die Ausbildung von Fachkräften genutzt. Dort wurden unter anderem Glasmacher, Glasschleifer, Glasmaler, Graveure und Facharbeiter für Glastechnik ausgebildet.
Um 1948 wurde Glasmacher auf dem Gebiet der späteren DDR offiziell zum Lehrberuf. Zuvor war die Vermittlung des Handwerks wesentlich informeller organisiert. Weißwasser entwickelte sich deshalb nicht nur als Produktions-, sondern auch als Ausbildungszentrum der ostdeutschen Glasindustrie.
Lausitzer Glas als bekannte DDR-Marke
Während der DDR-Zeit wurde Weißwasser besonders mit dem Begriff Lausitzer Glas verbunden. Trinkgläser, Kelche, Karaffen und weitere Haushaltsprodukte wurden in großen Stückzahlen hergestellt. Neben Massenprodukten entstanden weiterhin anspruchsvolle Gestaltungen.
Eine wichtige Rolle spielte nach dem Krieg der Designer Friedrich Bundtzen, der an die gestalterische Tradition Wilhelm Wagenfelds anknüpfte. Die Glasprodukte aus Weißwasser wurden innerhalb der DDR verkauft, aber auch exportiert. Damit brachte die Branche dringend benötigte Devisen ein. In mehreren Jahrzehnten entwickelte sich der Standort zu einem der wichtigsten Zentren für Gebrauchsglas in Ostdeutschland.
Maschinelle Glasherstellung verändert die Arbeit
Die Herstellung von Glas war ursprünglich stark von Handarbeit geprägt. Glasmacher entnahmen die heiße Glasmasse mit der Glasmacherpfeife aus dem Ofen, formten sie durch Drehen und Blasen und bearbeiteten die Werkstücke gemeinsam mit weiteren Facharbeitern.
Mit zunehmender Automatisierung änderten sich diese Arbeitsprozesse. In Weißwasser wurden Verfahren zur maschinellen Herstellung von Trink- und Stielgläsern weiterentwickelt. Dadurch konnten größere Stückzahlen bei gleichbleibender Qualität produziert werden. Die zunehmende Mechanisierung führte gleichzeitig dazu, dass klassische Glasmacherberufe langfristig an Bedeutung verloren.
Die Zäsur nach 1990
Die deutsche Wiedervereinigung bedeutete für die Glasindustrie in Weißwasser einen tiefen Einschnitt. Die bisherigen Absatzmärkte brachen teilweise zusammen. Gleichzeitig mussten sich die Unternehmen plötzlich im internationalen Wettbewerb behaupten.
Betriebe wurden privatisiert, verkleinert oder geschlossen. Tausende Industriearbeitsplätze gingen verloren. Der Niedergang der Glasindustrie traf Weißwasser besonders stark, weil die wirtschaftliche Struktur der Stadt über Jahrzehnte eng mit wenigen großen Industriebetrieben verbunden gewesen war.
Die Transformation nach 1990 gehört daher zu den einschneidendsten Kapiteln der jüngeren Stadtgeschichte.
Stölzle Lausitz: Glasproduktion besteht bis heute
Trotz des starken Rückgangs wird in Weißwasser weiterhin Glas hergestellt. Einer der wichtigsten Nachfolger der historischen Glasindustrie ist Stölzle Lausitz. Das Unternehmen produziert am Standort Weißwasser Trink- und Kristallgläser und hat dort weiterhin seinen Unternehmenssitz.
Produziert werden unter anderem:
- Weingläser,
- Sekt- und Champagnergläser,
- Whisky- und Cocktailgläser,
- Becher,
- Karaffen und Dekanter.
Das Unternehmen kombiniert dabei automatisierte Produktion mit einer langen Weißwasseraner Erfahrung in der Herstellung hochwertiger Trinkgläser.
Stölzle Lausitz unterhält außerdem einen Werksverkauf in der Berliner Straße 22. Damit ist die historische Verbindung zwischen Stadt und Gebrauchsglas auch mehr als 150 Jahre nach Beginn der Glasproduktion sichtbar.
Telux: Spezialglas auf historischem Industriegelände
Ein zweiter traditionsreicher Standort ist Telux. Das Unternehmen beziehungsweise seine Vorgänger produzieren seit Ende des 19. Jahrhunderts auf dem Gelände an der Straße der Einheit. Heute umfasst das Angebot unter anderem Glasrohre und Glaskolben, Lotgläser, Glasfritten, Rohstoffgemenge und Verglasungssysteme.
Das historische Telux-Areal umfasst rund 75.000 Quadratmeter. Gebäude aus unterschiedlichen Ausbauphasen und teilweise erhaltene Produktionseinrichtungen machen das Gelände zu einem bedeutenden Zeugnis der Weißwasseraner Industriegeschichte.
Die wirtschaftliche Lage des Unternehmens ist allerdings angespannt. Am 9. Juli 2026 stellte die Telux Glasproducts & Components GmbH einen Insolvenzantrag. Der Geschäftsbetrieb wurde zunächst fortgeführt.
Damit zeigt sich, dass die Glasproduktion in Weißwasser zwar weiterhin existiert, zugleich aber unter erheblichem wirtschaftlichem Druck steht.
Energieverbrauch als Herausforderung
Glasproduktion gehört zu den besonders energieintensiven Industrien. Glasschmelzwannen müssen dauerhaft auf sehr hohe Temperaturen gebracht werden. Traditionell spielte dafür in der Lausitz zunächst Kohle eine wichtige Rolle, später vor allem Gas.
Steigende Energiepreise und die Transformation hin zu klimafreundlicheren Produktionsverfahren stellen Glashersteller deshalb vor große Herausforderungen.
Gleichzeitig entstehen neue Möglichkeiten. So wird in Weißwasser beispielsweise untersucht, wie Abwärme aus der Glasproduktion künftig für die Fernwärmeversorgung der Stadt genutzt werden kann. 2025 wurden entsprechende Planungen im Zusammenhang mit Stölzle Lausitz vorangetrieben.
Damit könnte ausgerechnet die energieintensive Glasherstellung einen Beitrag zur zukünftigen Energieversorgung der Stadt leisten.
Das Glasmuseum Weißwasser
Wer die Geschichte der Glasindustrie kennenlernen möchte, findet im Glasmuseum Weißwasser die wichtigste Anlaufstelle. Das Museum befindet sich in einer historischen Villa an der Forster Straße.
Die Dauerausstellung behandelt mehr als 150 Jahre Weißwasseraner Glasgeschichte. Zu sehen sind historische Trinkgläser, Haushaltsglas, technische Produkte sowie Werkzeuge und Dokumente aus den früheren Betrieben.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf dem Design des 20. Jahrhunderts. Werke von Wilhelm Wagenfeld zeigen, wie stark Weißwasser mit Bauhaus und moderner Produktgestaltung verbunden war.
Adresse:
Glasmuseum Weißwasser
Forster Straße 12
02943 Weißwasser/O.L.
Glasgeschichte im Stadtbild
Auch außerhalb des Museums lässt sich die industrielle Vergangenheit entdecken. Historische Fabrikgebäude, ehemalige Werksareale und Wohngebiete erzählen noch heute von der rasanten Entwicklung zur Industriestadt.
Zu den wichtigen Orten gehören unter anderem:
- das Glasmuseum,
- das ehemalige Telux- beziehungsweise Osram-Areal,
- der Neufert-Bau,
- die ehemalige Glasfachschule,
- der Glasmacherbrunnen,
- verschiedene erhaltene Industriegebäude,
- das Gelände der früheren Glashütten.
In städtischen Entwicklungskonzepten wurde deshalb bereits die Idee eines „Weges des Glases“ aufgegriffen, der diese Orte miteinander verbinden soll.
Glas und Braunkohle gehörten zusammen
Die Geschichte der Glasindustrie lässt sich nicht getrennt vom Lausitzer Braunkohlenbergbau betrachten. Glasöfen benötigten große Mengen Energie. Die oberflächennahen Kohlevorkommen in der Region waren deshalb ein entscheidender Standortvorteil.
Rund um Weißwasser entstanden Kohlegruben und später große Tagebaue. Glasindustrie und Energiewirtschaft entwickelten sich teilweise parallel und prägten gemeinsam die Wirtschaftsstruktur. Daraus ergibt sich heute eine besondere Situation: Weißwasser muss gleich zwei historische Industriezweige transformieren.
Sowohl die traditionelle Glasproduktion als auch die Braunkohlenwirtschaft stehen unter erheblichem Veränderungsdruck.
Wie Glas die Identität von Weißwasser geprägt hat
In kaum einer anderen Stadt Sachsens lässt sich der Einfluss eines einzelnen Werkstoffs auf die Stadtentwicklung so deutlich beobachten.
Glas beeinflusste in Weißwasser:
- Bevölkerungswachstum,
- Stadtplanung,
- Wohnungsbau,
- Berufsausbildung,
- Architektur,
- Design,
- Verkehrsinfrastruktur,
- Unternehmensentwicklung und
- das gesellschaftliche Leben.
Viele Weißwasseraner Familien besitzen bis heute persönliche Verbindungen zur Branche. Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern arbeiteten in einem der Glaswerke.
Deshalb ist die Erinnerung an die Industrie nicht nur Museums- oder Wirtschaftsgeschichte, sondern Teil der lokalen Identität.
Vom Massenprodukt zum Designobjekt
Besonders bemerkenswert ist die enorme Bandbreite der Weißwasseraner Produktion. Hier entstanden ebenso einfache Alltagsprodukte wie technisch anspruchsvolle Spezialgläser. Glühlampenkolben und Bestandteile früher Fernsehröhren standen neben Weingläsern und Designklassikern.
Gerade die Verbindung von industrieller Massenfertigung und anspruchsvoller Gestaltung machte den Standort zeitweise besonders erfolgreich.
Wilhelm Wagenfeld formulierte in Weißwasser eine Idee, die bis heute aktuell wirkt: gutes Design sollte nicht nur exklusiven Einzelstücken vorbehalten sein, sondern auch bei industriell gefertigten Alltagsprodukten selbstverständlich werden.
Glasindustrie als Teil der Industriekultur in der Lausitz
Heute wird die Glasgeschichte zunehmend als Teil der Lausitzer Industriekultur verstanden. Dabei geht es nicht nur darum, einzelne historische Produkte zu bewahren. Auch Fabrikhallen, technische Anlagen, Arbeitsbiografien und das Wissen früherer Beschäftigter sind wichtige Quellen.
Das Telux-Areal besitzt dafür besonderes Potenzial. Durch seine Größe und den Bestand unterschiedlich alter Industriegebäude lässt sich dort nahezu ein Jahrhundert industrieller Entwicklung nachvollziehen. Auch das Glasmuseum und sein Förderverein leisten wichtige Arbeit bei der Dokumentation von Produkten, Unternehmen und persönlichen Erinnerungen.
Die Zukunft des Glasstandortes Weißwasser
Die große Zeit mit elf Glasfabriken wird vermutlich nicht zurückkehren. Dennoch bleibt Glas für Weißwasser wirtschaftlich und kulturell bedeutend. Stölzle Lausitz produziert weiterhin in der Stadt und vertreibt Weißwasseraner Trinkgläser international. Gleichzeitig zeigen die aktuellen Schwierigkeiten bei Telux, wie herausfordernd die Rahmenbedingungen für energieintensive Spezialindustrien sind.
Für die Zukunft dürfte es deshalb vor allem um drei Fragen gehen: Wie kann Glas energieeffizienter hergestellt werden? Welche spezialisierten Produkte können sich gegenüber internationaler Konkurrenz behaupten? Und wie lässt sich das außergewöhnliche industrielle Erbe für Stadtentwicklung, Bildung und Tourismus nutzen?
Gerade die Verbindung aus Produktion, Bauhaus-Geschichte, Industriedenkmalen und Museum bietet Weißwasser dabei ein Alleinstellungsmerkmal.
Fazit
Die Glasindustrie hat Weißwasser innerhalb weniger Jahrzehnte vom kleinen Heidedorf zur bedeutenden Industriestadt gemacht.
Seit dem ersten Glasofen im Jahr 1873 entstanden elf Glashütten, zahlreiche Raffinerien und spezialisierte Zulieferbetriebe. Weißwasser entwickelte sich zu einem führenden Zentrum der europäischen Glasproduktion und wurde durch Gestalter wie Wilhelm Wagenfeld sogar zu einem wichtigen Ort deutscher Designgeschichte.
Nach 1945 blieb die Stadt ein Zentrum der ostdeutschen Glasindustrie. Erst die wirtschaftlichen Umbrüche nach 1990 führten zu einem drastischen Rückgang der Branche.
Ganz verschwunden ist die Tradition jedoch nicht. Stölzle Lausitz produziert weiterhin hochwertige Trinkgläser in Weißwasser, während Telux an einem historischen Spezialglasstandort tätig ist, auch wenn das Unternehmen seit Juli 2026 ein Insolvenzverfahren durchläuft. Das Glasmuseum bewahrt zugleich Produkte, Dokumente und Erinnerungen aus mehr als 150 Jahren Glasgeschichte.
Damit bleibt Glas bis heute ein Schlüssel zum Verständnis Weißwassers: Die Menschen der Stadt haben über Generationen Glas geformt – und die Glasindustrie hat zugleich Weißwasser geformt.
Hinweis: Dieser Text wurde mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt und von der Redaktion geprüft.